Bemerkenswert

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Dies ist die Kurzfassung des Beitrags.

In diesem Blog finden Sie ab sofort philosophische Essais (im ursprünglichen Sinn: also als „Versuch“), Schnipsel, Gedanken, Hinweise, Fragen.

Dabei ist, wie es sich für einen Laienphilosophen gehört, mein Bild von der Philosophie fragmentarisch, widersprüchlich, prinzipiell offen. Das klingt auf billigen Beifall bedacht, hat aber Gründe (auch Laienphilosophen versuchen sich zumindest ansatzweise in so etwas wie Begründungen!). Nach meiner Auffassung – originell ist sie nicht – durchzieht die ganze Philosophie seit der Antike eine grundlegende Fallunterscheidung: Der zwischen der im Prinzip feststellbaren Wahrheit und – bestenfalls – den Wahrheiten-im-Plural, also der zwischen prima-philosophia-Konzepten (Metaphysik im weitesten) einerseits, metakritischen Verfahren andererseits (gute Darstellung bei Markis, § 1). Zwischen abgeschlossenem und unabgeschlosenem Vokabular (Rorty). Zwischen der Annahme, es gäbe den logos, und der These, es gäbe bestenfalls diverse logoi (dazu Taureck in seinem schönen Buch über die Sophisten). ‚Gibt‘ es ‚irgendwie‘ (wie auch immer) so etwas wie die Realität, und das hieße: gibt es so etwas wie einen archimedischen Punkt, so etwas wie ein ‚vernünftiges Subjekt‘ – oder sind alle vermeintlichen Realitäten nicht letztlich nur Konstrukte, deren Voraussetzungen zu destruieren seien… In Nietzsches Worten (und sie fallen nicht zufällig in seiner Vorlesung zur Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen): Der Kampf um eine Wahrheit sei vom Kampf um die Wahrheit grundsätzlich zu unterscheiden.

Dass dieser Streit die gesamte Philosophiegeschichte durchzieht, sich seit den Sophisten und ihrer Auseinandersetzung mit Sokrates nachweisen lässt, ist nur konsequent. Denn Philosophie heißt ja: ich suche nach Gründen für das, was ich in meinem alltäglichen Leben unhinterfragt für wahr bzw falsch halte. Und natürlich ist es im Rahmen der Suche nach sicheren Grundlagen auch ein legitimer Zug in der philosophischen Unterredung, diese (laienhaft gesagt) ‚Wahrheitssuche‘ insgesamt zu unterlaufen, sie etwa als Herrschaftsmittel zu dekonstruieren (überspitzt, aber nicht falsch gesagt: Das wäre die Postmoderne in nuce).

Ob dieser Streit für alle Zeiten aporetisch* enden muss, sei dahin gestellt. Es hat diverse Versuche gegeben, in diesem Streit zu vermitteln; intuitiv würde ich zum Beispiel Hegel und seine unartigen Meisterschüler Marx und Adorno hier nennen mögen, ferner die noch unartigere Heidegger-Meisterschülerin Hannah Arendt. (Es ist wohl kein Zufall, dass Hegel in seiner Philosophiegeschichte die Herabsetzung der Sophisten als schmierige Mietmäuler nicht mitmachte! Und es ist auch kein Zufall, dass sich Arendt sowohl auf Kant als auch auf Nietzsche und Heidegger bezog!) Und jede Philosophin, jeder Philosoph von Rang hat natürlich, egal, auf welcher Seite der Barrikade sie sich aufhielten oder aufhalten, auf die Argumente der Gegenseite reagiert – reagieren müssen, denn aus nichts anderem besteht ja Philosophie. Philosophie ist vielleicht nichts anderes als dieser Streit, mit allen Nuancen, Querverbindungen, Begriffsschärfungen. Selbst wenn wir den finalen Beweis hätten, dass dieser Streit aporetisch enden muss, so kämen wir wohl nicht darum herum, ihn immer wieder neu zu durchdenken.

Gleichviel: Mit diesen Bemerkungen habe ich mir schamlos die Erlaubnis verschafft, mich mit allem philosophisch zu beschäftigen, was mich interessiert: Kant und Herder, Arendt und die Sozialphilosophie, formale Logik und Postmoderne, Schnädelbach und Feyerabend (und Stekeler-Weithofer). Manchmal werden Sie hier vielleicht bloß einige kurze Zitate und ein paar Bemerkungen dazu finden. Demnächst – angewandte Sozialphilosophie, angewandte politische Philosophie – werde ich mich mit dem derzeitigen Diskurs zur globalen Armut auseinander setzen, insbesondere mit der scheinbar (und/oder tatsächlich) empirisch bestätigten These, es werde „für alle immer besser“. Eine postmodern gewendete Verteidigung des Schillerschen Schönheitsbegriffs („Schönheit ist (Ausdruck von) Freiheit in der Erscheinung“) ist in Arbeit.

Eine letzte Bemerkung, insbesondere für Philosophiestudentinnen und – studenten: Wenn ich mich hier „Laienphilosoph“ nenne, so ist das kein fishing for compliment und keine falsche Bescheidenheit. Ich habe Hochachtung vor dem akademisch-philosophischen Diskurs und halte ihn, allein schon deswegen, weil unsere Philosophinnen, zusammen mit allen anderen Geisteswissenschaftlern, Sachwalterinnen unseres kulturellen Gedächtnisses sind, für unerlässlich. Aber ich übe ihn nicht aus – nicht mein Ding sozusagen! Ich habe Freude an der Philosophie, mehr nicht. (Nebenbei: Geisteswissenschaften sind keine „Laberfächer“. Wer so daher redet, zeigt mir nur, dass er keine Ahnung hat. Ob logische Grundlagenforschung, eine exakte Quellenkritik oder eine philologisch saubere Edition…das ist alles mögliche, aber mit Sicherheit kein „Labern“.) Worauf ich hinaus will: Nicht ein Relativsatz hier ist valide, nicht einer ist zitierfähig. Vergesst es! Lest selber! Denkt selber. Müsst Ihr doch sowieso, wenn Ihr Philosophen und Philosophinnen werden bzw bleiben wollt.

 

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* aporetisch, Aporie: he aporia (altgr.), die Ausweglosigkeit. In der Philosophie bedeutet „Dieser Streit X endet aporetisch“: Er ist nicht zu entscheiden, es gibt für beide Positionen gute Gründe bzw für keine der beiden. (Ggfls schärft der gute Grund für p die Lage so, dass der Opponent einen noch besseren Grund für non-p findet, und immer so weiter. Dann wäre der erste gute Grund für p tatsächlich ein guter Grund – und nicht nur ein scheinbar guter – für p gewesen, weil er eine dialektische Denkbewegung eröffnet hat.)

Die frühen platonischen Dialoge enden allesamt aporetisch. Ilting notiert: „In der sokratischen Philosophie gilt (…) (der) Verlust einer naiven Selbstsicherheit und Unbefangenheit als eine unerlässliche Bedingung jenes Wissens des Nichtwissens, in der die wahre ‚menschliche Weisheit‘ besteht: die Einsicht, daß der Mensch weder ein Wesen ist, das ohne Wissen von sich selbst existiert, noch ein Wesen, das die Bedingungen seines Handelns und Lebens jemals vollkommen erkennen und durchschauen könnte. Die Erfahrung der Aporie wird so als der Beginn der Einsicht in die aporetische Verfassung menschlichen Daseins gedeutet“ Erst später, bei Plato, mutiere ‚aporetisch‘ zu einem theoretisch zu klärenden Problem.

Wenn ich in diesem Blog ab und an scheinbar ‚bekannte‘ Begriffe zu erläutern suche, dann deswegen, weil niemand alles weiß/wissen kann. Ich will niemanden ‚gaslighten‘. Belehrungen nehme ich meinerseits gerne entgegen, auch dann, gerade dann, wenn ich einen ‚trivialen‘ Fehler gemacht habe.

Literatur:

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, in: Hegel, Werke in zwanzig Bänden, herausgegeben von Eva Moldenhauer und Klaus Markus Michel, Band 18, Frankfurt/Main, 1971 (u.Ö.)

Ilting, Karl-Heinz, Artikel „Aporie“, in: Baumgartner/Krings/Wild (HG), Handbuch philosophischer Grundbegriffe, München 1973

Markis, Dimitrios, Protophilosophie, Zur Rekonstruktion der philosophischen Sprache, Frankfurt/Main, 1980

Nietzsche, Friedrich, Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen, Stuttgart, 1994 (auch in KSA I, S. 799ff)

Rorty, Richard, Ironie, Kontingenz und Solidarität, Frankfurt/Main 1992 (1989), insbesondere das Kapitel „Kontingenz“

Taureck, Bernhard, Die Sophisten, Wiesbaden, o.J. (2005, ursprünglich Hamburg, 1995)

Lektüreempfehlungen für alle, die sich in die Philosophie einarbeiten wollen:

Ferber, Rafael, Philosophische Grundbegriffe, Eine Einführung, München, 1998

Grundkurs Philosophie, 7 Bände, von Wolfgang Detel (Band 1-5) Robin Celikates und Stefan Gosepath (Band 6) sowie Matthias Lutz-Bachmann (Band 7), Stuttgart, 2007-2013

Martens, Ekkehard/Schnädelbach, Herbert, Philosophie – Ein Grundkurs, Reinbek, 1985 (erweiterte Neuauflagen, 2003)

Skirbekk, Gunnar/Gilje, Nils, Geschichte der Philosophie (2 Bände), Frankfurt/Main, 1993